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Warum wir öffentlich schreiben — und warum Perfektionismus dabei im Weg steht

Maik · 2026-04-26 · 75 % human

Informationen fluten uns — durch Nachrichtenfeeds, Werbung, Benachrichtigungen, algorithmische Timelines. Die Aufmerksamkeitsökonomie — ein Begriff, den Herbert Simon 1971 einführte, um zu beschreiben, wie ein Überfluss an Information eine Knappheit an Aufmerksamkeit erzeugt (Simon, 1971) — behandelt menschliche Aufmerksamkeit als knappe Ressource, die es zu erfassen, zu halten und zu monetarisieren gilt. Alles ist auf Engagement optimiert, was meist bedeutet: auf Reaktion, Unterhaltung, Konsum — aber weniger auf Reflexion und tiefergehende (ggf. persönliche) Auseinandersetzung.

Und dennoch: Ich fühle den Drang, öffentlich zu schreiben, hier in meinem Digitalen Garden; nicht um zu konkurrieren, aber weil das Formulieren von Gedanken — und das Hinterlassen dieser Gedanken an einem Ort, wo andere zufällig darauf stoßen können — sich wie eine Gegenbewegung anfühlt, die ihren eigenen Wert haben kann.

In diesem Impuls steckt jedoch ein Widerspruch. In dem Moment, in dem ich denke: „Jemand könnte das lesen”, setzt der Druck schon ein. Der Perfektionismus springt an. Plötzlich fühlt sich der halbfertige Gedanke, der es wert schien, geteilt zu werden, zu roh, zu offensichtlich, zu unvollständig an. Die Druck beginnt in mir zu arbeiten. Der bloße Gedanke an einen öffentlichen Blick löst genau jene Angst aus, von der die Aufmerksamkeitsökonomie profitiert.

Der digitale Garten als anderer Rahmen

Wie ein Mantra wiederhole ich es für mich. Ein digitaler Garten ist eine Sammlung sich entwickelnder Ideen — kein offizielles Publikationsorgan, für den ich sonst schreibe. Notizen sind nicht streng nach Datum geordnet. Sie sind durch Assoziationen verknüpft, durch Kontext, durch die langsame Ansammlung von Gedanken im Laufe der Zeit. Die Struktur ist topographisch, nicht chronologisch: Man wandert durch Ideen, anstatt durch eine Timeline zu scrollen (Appleton, 2020).

Diese Rahmung ist wichtig, weil sie den Rapport mit dem Leser verändert — und mit mir selbst. Notizen müssen nicht fertig sein. Sie können halbfertige Gedanken sein, die wachsen und entwickeln sich — oder bleiben unsichtbar und klein, weniger poliert, weniger performativ. Weniger wie die kuratierten persönlichen Websites, die wir gewohnt sind zu lesen, und mehr wie ein offenes Notizbuch.

Was eine 🌱Seedling-Notiz hier bedeutet

Diese Notiz ist, wie die meisten anderen hier, mit 🌱 Seedling gekennzeichnet. Das bedeutet: Sie ist ein öffentlich gehaltener Entwurf. Fertigwerden ist hier nicht der Punkt. Nicht jede 🌱Seedling-Notiz wird zu einer vollständigen und ausgereiften Notiz. Manche sitzen einfach hier, sammeln Kontext, warten darauf, weitergedacht zu werden, bis sie Knospen tragen.

Das ist beabsichtigt. Es ist auch unbequem, zumindest für mich. Weil da ist eine hartnäckige innere Stimme, die sagt: Veröffentliche erst, wenn es gut genug ist. Aber „gut genug” ist ein veränderliches Ziel, das durch Vergleich und Leistungsangst geprägt wird — beides sind Dinge, die die Aufmerksamkeitsökonomie sehr gut zu verstärken versteht.

Die Spannung muss sich (noch) nicht auflösen

Ich glaube nicht, dass die Antwort darin besteht, aufzuhören, sich um Qualität zu kümmern, oder den Garten mit “Rauschen” zu fluten. Die Spannung zwischen dem Wunsch, gut zu schreiben, und dem Wunsch, frei zu schreiben, ist real – und produktiv, so nehme ich an. Im Gegenteil: Notizen und Ideen wachsen zu lassen, ist das eigentliche Anliegen von Qualität — es versteht Qualität als Prozess.

Was ich anstrebe, ist eine schlichtere Überzeugung: Diese Praxis muss nicht mit der Aufmerksamkeitsökonomie konkurrieren. Sie kann eine bewusste Alternative zu ihr sein. Langsamer. Mit weniger Druck. Ehrlich in Bezug auf ihre eigene Unvollständigkeit.

Öffentlich zu schreiben, in einem Garten, ohne den Druck, viral zu gehen oder poliert zu wirken; das ist vielleicht eine der stilleren Formen des Widerstands, die uns gerade zur Verfügung stehen.


Referenzen

Appleton, M. (2020). A Brief History & Ethos of the Digital Garden: A newly revived philosophy for publishing personal knowledge on the web [Persönlicher Blog]. maggieappleton. https://maggieappleton.com/garden-history

Simon, H. A. (1971). Designing organizations for an information-rich world. In M. Greenberger (Ed.), Computers, communication, and the public interest (pp. 37–72). Johns Hopkins Press. https://www.nmh-p.de/wp-content/uploads/Simon-H.A._Designing-organizations-for-an-information-rich-world.pdf


Eine Notiz an mich selbst, geschrieben im April 2026.