PKM
In den vergangenen Wochen habe ich mich immer wieder mit einem Problem beschäftigt, das mich zunehmend verärgert. Es betrifft ausgerechnet meine Tools for Thought, die mir eigentlich dabei helfen sollen, Wissen zu organisieren, Zusammenhänge sichtbar zu machen und langfristig verfügbar zu halten.
Seit Jahren sammle ich Notizen, Literaturhinweise, Zitate, Ideen und Beobachtungen in digitalen Wissenssystemen. Wie viele andere Nutzer von Tana, Roam Research, Obsidian oder ähnlichen Tools for Thought folge ich folgsam der Überzeugung, dass gut vernetztes Wissen später leichter wiedergefunden werden kann. Also habe ich Notizen verlinkt, Tags vergeben, Referenzen angelegt und versucht, in Form von Beziehungen zwischen Atomic Notes Zusammenhänge herzustellen.
Trotzdem ertappe ich mich immer häufiger bei diesem frustrierenden Gedanken:
Ich weiß, dass ich dazu irgendwann einmal etwas Wichtiges notiert habe. Aber ich habe keine Ahnung mehr, wie ich damals darüber gedacht habe, unter welchem Begriff, mit welchen Tags und vor allem in welchem Vault ich es gespeichert habe. Wo soll ich anfangen zu suchen?
Das Problem ist nicht, dass die Information oder Idee verloren gegangen wäre. Sie befinden sich schon an einem bestimmten Ort in meinem Tool for Thought. Das Problem ist vielmehr, dass ich gar nicht präzise suchen kann, weil ich mich nicht mehr an die Notiz erinnern kann, weil sie irgendwie im Meer meiner Second Brains vor sich hin schlummern.
Je größer mein Wissensarchiv wird, desto häufiger tritt dieses unangenehme Gefühl auf. Und genau darin scheint ein Paradox zu liegen: Während die Menge meines gespeicherten Wissens wächst, nimmt mein Vertrauen ab, im richtigen Moment darauf zugreifen zu können. Häufig nutze ich dann für schnell abrufbares Wissen unwillkürlich andere Ablegemethoden wie z. B. Bookmarks im Browser.
Viele Personal-Knowledge-Management-Systeme und Tools for Thought basieren auf der Annahme, dass gute Verlinkungen und Metadaten das spätere Wiederfinden erleichtern sollen. Die zugrundeliegenden Annahmen erscheinen zunächst plausibel:
In der Praxis funktioniert dies jedoch nur unter einer wichtigen Voraussetzung: Ich muss wissen, wonach ich suche.
Genau hier beginnt das Problem.
Die meisten Notizen entstehen in einem bestimmten situativen Kontext. Ich lese einen Artikel, höre einen Podcast, arbeite an einer Publikation oder beschäftige mich mit einer konkreten Fragestellung. Die Begriffe, mit denen ich die Notiz versehe, spiegeln diesen Kontext wider.
Monate später begegne ich einem ähnlichen Problem, jedoch aus vollkommen anderer Perspektive. Die Suchbegriffe, die mir jetzt einfallen, sind andere als jene, die ich damals verwendet habe.
Die Folge ist ein Bruch zwischen Speicherung und Wiederauffindbarkeit. Und das frustriert mich zunehmend.
Interessanterweise handelt es sich dabei nicht nur um ein persönliches oder gar rein technisches Problem, sondern um ein gut dokumentiertes Phänomen der Gedächtnisforschung.
Tulving und Thomson (1973) beschrieben mit ihrem Encoding Specificity Principle, dass Erinnerungen immer zusammen mit ihrem ursprünglichen Kontext gespeichert werden. Der erfolgreiche Abruf einer Erinnerung hängt wesentlich davon ab, ob die beim Abruf verfügbaren Hinweise denjenigen ähneln, die während des Lesens, Notierens oder Speicherns vorhanden waren.
Einfacher formuliert:
Wir erinnern uns nicht an Informationen isoliert. Wir erinnern uns an Informationen über Kontexte, Situationen und Stimmungen.
Für digitale Wissenssysteme und Tools for Thought, die als eine Art Second Brain genutzt werden, hat das weitreichende Konsequenzen. Denn Tags, Links und Kategorien spiegeln vorwiegend den Kontext der Vergangenheit wider. Die spätere Suche erfolgt jedoch aus dem Kontext der Gegenwart.
Genau an dieser Stelle entsteht das Retrieval-Paradox.
Viele moderne Wissenssysteme setzen auf bidirektionale Verlinkungen. Diese sind zweifellos hilfreich, um Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Aber sie lösen ein anderes Problem:
Links helfen mir dabei, von einer bekannten Notiz zu einer anderen zu gelangen. Aber: Sie helfen mir nicht dabei, mich daran zu erinnern, dass die andere Notiz überhaupt existiert.
Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber möglicherweise das Entscheidende.
Ein Link ist ein gutes Navigationsinstrument. Retrieval beginnt jedoch bereits vor der Navigation – nämlich in dem Moment, in dem ich erkennen muss, dass etwas Relevantes vorhanden sein könnte.
Vielleicht steckt hinter vielen PKM-Systemen und Tools for Thought eine implizite Vorstellung:
Wenn ich genügend Informationen sammle und ausreichend miteinander verknüpfe, entsteht irgendwann ein zuverlässiges externes Gedächtnis.
Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob diese Vorstellung trägt. Je größer mein Archiv wird, desto häufiger entsteht das Gefühl, dass wichtige Ideen in einer Art “digitalen Nebel” bzw. “unter der Meeresoberfläche” meines kognitiven Eisbergs verschwinden. Sie sind nicht gelöscht. Sie sind nicht unerreichbar. Sie sind lediglich außerhalb meines aktuellen Aufmerksamkeitsraums.
Das erinnert an eine Beobachtung von Tulving und Pearlstone (1966):
Informationen können im Gedächtnis verfügbar sein, ohne zugänglich zu sein.
Möglicherweise gilt dasselbe auch für digitale Wissensarchive.
Ein weiterer Aspekt beschäftigt mich zunehmend. Mit jeder neuen Notiz ist die Hoffnung verbunden, dass sie irgendwann wieder nützlich werden könnte. Gleichzeitig wächst mit jeder gespeicherten Information die Unsicherheit darüber, ob sie jemals wieder auftauchen wird.
Die daraus entstehende Form von FOMO unterscheidet sich von der klassischen Angst, etwas Neues zu verpassen. Es handelt sich vielmehr um die Angst, bereits vorhandenes Wissen nicht mehr nutzen zu können. Ich nenne diese Beobachtung MEFOMO – Memory Fear of Missing Out – und sie beinhaltet, kurz zusammengefasst:
Was, wenn die Antwort auf mein aktuelles Problem bereits irgendwo in meinen Notizen liegt – ich aber nicht mehr weiß, dass sie dort liegt?
Vielleicht liegt die Zukunft digitaler Wissenssysteme und Tools for Thought nicht in immer besseren Datenbanken, immer mehr Metadaten oder immer komplexeren Verlinkungen.
Vielleicht brauchen wir Systeme, die weniger auf Speicherung und stärker auf Erinnerung ausgerichtet sind. Systeme, die nicht nur beantworten:
Wonach suchst du?
sondern auch bei der Eingabe fragen:
Woran solltest du dich vielleicht später erinnern?
In diesem Sinne ist das eigentliche Problem in der Wissensarbeit mit Tools for Thought möglicherweise nicht Informationsverlust, sondern eher ein Verlust der Gewissheit, dass relevantes Wissen im entscheidenden Moment wieder auftaucht. Es lohnt sich, an diesem „Retrieval-Paradox“ weiterzuarbeiten. Das ist schon mal vorgemerkt.
Godden, D. R., & Baddeley, A. D. (1975). Context-dependent memory in two natural environments: On land and underwater. British Journal of Psychology, 66(3), 325–331. https://doi.org/10.1111/j.2044-8295.1975.tb01468.x
Tulving, E., & Pearlstone, Z. (1966). Availability versus accessibility of information in memory for words. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 5(4), 381–391. https://doi.org/10.1016/S0022-5371(66)80048-8
Tulving, E., & Thomson, D. M. (1973). Encoding specificity and retrieval processes in episodic memory. Psychological Review, 80(5), 352–373. https://doi.org/10.1037/h0020071